Anlässlich der Ausstellung "Ortszeit", die sich 2010 mit der Halbinsel Tarnewitz beschäftigte, entstanden die "Fragmente" benannten Tafeln. Tarnewitz ist ein doppelt belasteter Ort, der unter den Nationalsozialisten zu einem Militärwaffen-Erprobungsort ausgebaut wurde und zu DDR-Zeiten der Sitz der die Küste bewachenden Grenzpolizei war. Es war Sperrgebiet: "Die Halbinsel Tarnewitz durften wir nicht betreten, es war verbotenes Land. Boltenhagen hörte beim Normalbürger beim Wachhäuschen auf," formulierte es ein Zeitzeuge.

Dieser Satz ist bereits Teil der Installation. Transparentpapier, aufgebracht auf weißen Monotypien auf MDF-Platten, ist der Grundstoff der Fragmente-Tafeln. Fragmente sind Splitter, Teile eines größeren Ganzen. Hier sind es Erinnerungs- und Wahrnehmungssplitter, in denen sich die Erfahrung des Lebens an diesem Ort an der DDR-Außengrenze artikuliert. Die von der Künstlerin ausgewählten Sätze, ihrerseits Fragmente längerer Zeitzeugengespräche, sind nicht per Hand, wie bei der Installation "Erstarrung", sondern mit Schreibmaschine getippt. Die Erinnerungen und Deutungen werden dadurch bei aller Individualität doch gleichzeitig entpersönlicht.

Die Fragmente verdeutlichen aber auch, dass die Erinnerung an das DDR-Tarnewitz nicht einheitlich ist. Tarnewitz erscheint in den Zitaten als Ort der Bewachung ("Der gesamte Strand wurde in regelmäßigen Abständen nachts von Redewisch bis Tarnewitz ausgeleuchtet"), als Ort der Einschränkung ("Der Schiffsverkehr ist nach 1961 eingestellt worden ... die gesamte Bootsvermietung wurde eingestellt"), als Ort des Misstrauens ("Im Dunkeln an den Strand zu gehen, da war man schon aufgefallen"), des Umganges mit diesen Bedingungen ("erst einmal mitmachen, so gut es geht, dann weitersehen, und zur Not den Mund halten; keine Aufmerksamkeit erregen") und schließlich der Flucht ("ich kann das verstehen" – "ich kann das nicht verstehen").

Die "Fragmente" sind keine abgeschlossene Arbeit. Im März und April 2013 war Renate U. Schürmeyer im Rahmen des Projekts "Artists in the Parish" des Evangelischen Kirchentages für jeweils zwei Wochen zu Gast in drei Kirchengemeinden: In Brüssow in der Uckermark, in Hamburg-Hamm und in Benz auf der Insel Usedom.

Überall führte sie Gespräche mit den Ortsansässigen. Im Vorfeld verteilte sie Postkarten mit vorformulierten Fragen zu den Themenfeldern Grenzen, Glück und deutsche Teilung. Aus den Antworten fertigte Renate U. Schürmeyer wie schon in Tar-newitz weiße Tafeln, die auf der Gesangbuchablage aufgestellt oder an die Wand montiert wurden. Die "Fragmente" wurden von den Kirchenbesuchern der drei Gemeinden wahrgenommen und in Benz sogar durch handschriftliche Kommentare er-gänzt. Die Lesenden blieben nicht teilnahmslos, fühlten sich angeregt oder provoziert.

Renate U. Schürmeyer wertet die Aussagen ihrer Gesprächspartner nicht, sie stehen jeweils isoliert und tragen schließlich indem über das Erfahrene gesprochen wird, dazu bei, dass sich in der Erzählung herausschält, was und wie diese historische Periode der innerdeutschen Teilung in Tarnewitz, entlang der ehemaligen Grenze oder im ehemaligen Westdeutschland erinnert werden wird. Die Erinnerungen werden im Laufe der Zeit fragmentierter, sie unterscheiden sich je nachdem ob der Befragte in Ost- oder Westdeutschland aufwuchs. Dabei ist die Erinnerung niemals abgeschlossen. In Tarnewitz standen auch unbeschriftete Tafeln auf den Ablagen. Sie warteten darauf, beschrieben und mit Erinnerung besetzt zu werden.

Dr. Sylvina Zander, aus "lieber vergessen", 2013



 
 
Tarnewitz, Paulskirche in Boltenhagen, 2010   Tarnewitz, Paulskirche in Boltenhagen, 2010
     
 
Tarnewitz, Paulskirche in Boltenhagen, 2010   Tarnewitz, Paulskirche in Boltenhagen, 2010
     
 
Benz auf Usedom, Foto: Th. Panzau   Brüssow, Foto: Th. Panzau
     
 
Brüssow, Foto: Th. Panzau   Benz auf Usedom, Foto: Th. Panzau
     
 
Hamburg-Hamm, Foto: Th. Panzau   Hamburg-Hamm, Foto: Th. Panzau