Die ehemalige innerdeutsche Grenze hat für die Menschen, die an und mit ihr lebten, den Alltag bestimmt. Ihnen wurde der Lebensraum massiv eingeschränkt, sie wurden kontrolliert und überwacht, ihre Heimatorte wurden von ihren gewachsenen räumlichen Beziehungen abgeschnitten. Heute, nach dem Fall der Mauer 1989, erinnert in der Landschaft nur noch wenig an diese Grenze, die Wachtürme und Sperrzäune sind abgebaut, es ist ein "grünes Band" entstanden. Dennoch bleibt die ehemalige Grenze in die Biographien der Menschen auf beiden Seiten der Grenze eingeschrieben.

Auf Initiative des Rostocker Künstlers Wanja Tolko und von Miro Zahra vom Mecklenburgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow unternahmen es im Jahr 2009 acht Künstler den ehemaligen Grenzraum künstlerisch zu bearbeiten und dadurch auf eine innovative Weise zurück in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben. Renate U. Schürmeyer realisierte ihr Projekt. Ganz bewusst hat sie ihre Arbeit zweigeteilt und nicht nur mit Betroffenen auf östlicher, sondern auch auf westlicher Seite gesprochen. Schließlich wurde ihre Installation sowohl in Lübeck-Schlutup (Grenzdokumentations-Stätte) als auch in Schlagsdorf (vor dem Museums GRENZHUS) gezeigt.

In zahlreichen Gesprächen mit ehemaligen Grenzanliegern näherte sie sich deren Erinnerungen und Erfahrungen an. "Erstarrung" hat sie ihre daraus resultierende Arbeit genannt, weil dieses Wort das Lebensgefühl wiedergibt, das in der Sperrzone herrschte. Die Politik usurpierte das Leben und drang bis in das Privatteste kontrollierend und reglementierend ein, bis die Menschen "erstarrten" – und zwar auf beiden Seiten der Grenze. Schürmeyer fand in der Kleidung das angemessene Bild für dieses Gefühl: Kleidung sitzt eng am Körper, ist vertraut, schützt und schmückt. Jacken, Westen, Kleider – alles unterwarf sie der Einbetonierung, die weiche Kleidung wurde steif und starr. Diese, noch geringe Gebrauchsspuren aufweisenden Kleidungsstücke wurden in Rahmen gehängt und im Ort platziert. Ihnen wurden Zitate aus den Zeitzeugengesprächen beigegeben, die die Bitterkeit, Angst und Sehnsucht der Betroffenen widerspiegeln. Die Arbeit fand Widerhall bei den Menschen im ehemaligen Grenzraum, die an der Realisierung des Projekts nicht nur durch ihre Gesprächsbereitschaft mitwirkten, sondern auch durch praktische Mitarbeit bei der Installation. Jugendliche, die sich bei der ÜAZ Waren / Zweigstelle Grevesmühlen in der Ausbildung befanden, halfen unter Anleitung eines Meisters bei der technischen Herstellung der Installation und kamen mit der Künstlerin über die Geschichte ihrer Heimatregion ins Gespräch. Zeitzeugen beschrifteten die an den Rahmen unterhalb der erstarrten Kleidungsstücke angebrachten Bleche eigenhändig mit den ausgewählten Zitaten. So ist die Installation mehr geworden als eine den ehemaligen Grenzanliegern von außen zugemutete Wahrnehmung ihrer eigenen Vergangenheit, stattdessen ist sie das Ergebnis eines intensiven Dialogs. Wie tief Renate Schürmeyer in die Emotionen, vielleicht auch Verdrängungen des Gewesenen eingedrungen ist, zeigt die heftige Reaktion auf die Arbeit, die sich in Zerstörungswut und Vandalismus, aber auch im wieder Reparieren der Arbeit durch Anwohner niederschlug.

Dr. Sylvina Zander, aus "lieber vergessen", 2013



 
 
Idee: 2008   Überregionales Ausbildungzentrum Grevesmühlen
     
 
Beschriftung der Bleche durch Zeitzeugen   Beschriftung der Bleche durch Zeitzeugen
     
 
Beschriftung der Bleche durch Zeitzeugen   Kleidungsstücke in Beton
     
 
Kleidungsstücke in Beton   Kleidungsstücke in Beton
     
 
Kleidungsstücke in Beton   Vor dem GRENZHUS in Schlagsdorf, 2009
     
 
Vor dem GRENZHUS in Schlagsdorf, 2009   Vor dem GRENZHUS in Schlagsdorf, 2009
     
 
Vor dem GRENZHUS in Schlagsdorf, 2009   Aufbau in Lübeck-Schlutup, 2009
     
 
Vor der Grenzdokumentationsstätte Schlutup, 2009   Vor der Grenzdokumentationsstätte Schlutup, 2009
     
 
Vor der Grenzdokumentationsstätte Schlutup, 2009   Vor der Grenzdokumentationsstätte Schlutup, 2009
     
 
Vor der Grenzdokumentationsstätte Schlutup, 2009   Vor der Grenzdokumentationsstätte Schlutup, 2009
     
 
Eröffnung in Schlagsdorf, 2009   Eröffnung in Schlagsdorf, 2009
     
 
Eröffnung in Lübeck-Schlutup, 2009   Veränderungen in Schlagsdorf, 2009
     
 
Veränderungen in Schlagsdorf, 2009   Veränderungen in Schlagsdorf, 2009
     
 
Veränderungen in Schlagsdorf, 2009   Veränderungen in Lübeck-Schlutup, 2009
     
 
Tag der Deutschen Einheit Lübeck-Schlutup, 2009   Tag der Deutschen Einheit Lübeck-Schlutup, 2009
     
   
Vandalismus